Mach mir ein Sandwich

„Bei mir sieht´s aber ein bisschen aus…“

Die beiden kicherten und feixten, woran sicher auch der Alkohol seine Schuld trug. Der Schein der Beleuchtung im Stiegenhaus erleuchtete den Flur von Davids Wohnung fahl und der stocherte im Halbdunkel im Schlüsselloch der Wohnungstür. Hanni kicherte leise vor sich hin, wahrscheinlich deshalb, weil sich David ziemlich ungeschickt anstellte.

„Vergiss doch den blöden Schlüssel“, lachte Hanni.

„Die Tür muss zu sein, weißt du?“ David tastete nach dem Lichtschalter, ohne dabei die innige Umarmung mit der jungen Dame zu lösen. Begleitet von einem deutlich vernehmbaren Klick, wurde es plötzlich hell im Flur.

David wandte sich von Hanni ab, den Schlüssel in der Tür suchend, doch die Dame wollte nicht von ihm lassen. Sie zerzauste ihm das lockige Haar, das in wirren Strähnen abstand und versuchte, ihm den Hals abzuknutschen.

„Warte, Mädchen, warte. Das muss jetzt leider sein“

Er drückte Hanni etwas von sich weg und jetzt, wo er den Schlüssel deutlich im Schloss stecken sah, war es kein großes Kunststück mehr, ihn auch abzuziehen.

„Hast du Hunger“, lachte David mehr, als er es sagte. „Oder willst du was trinken.“

„Champagner“, flötete Hanni. „Und ja, bitte mach mir ein Sandwich!“

„Den Champagner findest du drüben im Schrank auf der Flasche auf der „Ritter Sekt“ steht. Und das Sandwich kommt sofort, mein Täubchen!“

Die Stimmung war blendend. Feuchtfröhlich torkelten die Worte aus dem Mund der beiden und nicht minder trunken stolperten David und Hanni ins Wohnzimmer.

„Isch liebe disch“, säuselte David mit vorgespieltem französischen Akzent und er fiel dabei ein klein wenig über Hanni her.

„Isch dir ausch“, antwortete sie, „aber was ist jetzt mit meinem Sandwich?“

„´ier ´ast du deinen Champanger“, sagte David.

„Nein, im Ernst jetzt. Ich hab Hunger. Mach mir ein Sandwich.“

David ließ von Hanni ab, erhob sich und salutierte: „Zu Befehl – ein Sandwich“. Und Hanni kicherte süffisant.

David verzog sich in die Küche und öffnete zunächst die Brotlade. Verdammt, er hatte vergessen, am Vormittag noch einkaufen zu gehen. Da war kein Sandwichbrot mehr verfügbar. Jetzt musste er improvisieren.

„Hey du!“, rief er ins Wohnzimmer, weil er nicht einmal Hannis Namen kannte, was ihm im Übrigen noch gar nicht richtig aufgefallen war. „Hey, du!“

„Ja, du?“, schallte es spitz zurück.

„Ich hab kein Sandwichbrot hier. Magst du es auch mit Baguette?“

„Baguette? Find ich nett!“ Und Hanni lachte mörderisch über ihr Witzchen.

David, derweil, war gar nicht so zum Lachen zumute. Ein Blick in den Brotkasten offenbarte ihm, dass er auch kein Baguette zu Hause hatte.

„Du-u?“, tirilierte er, schon etwas mehr angespannt, als noch Sekunden zuvor.

„Was?“, schallte es zurück.

„Magst du Schinken auch mit…mit…ähm…Zitronenkuchen?“

Klang zugegebenermaßen äußerst armselig, aber Zitronenkuchen war das erste, das David beim Stöbern in die Hände gefallen war.

„Was?“ Und dieses Mal klang dieses „Was“ überrascht und angespannt und gar nicht mehr süffisant.

„Schinken mit Zitronenkuchen. Und Senf. Und Mayonnaise. Paßt das?“

„Also ich hätte Zitronenkuchen…lieber so“, kam es aus dem Wohnzimmer.

„Du hast Sandwich bestellt, du bekommst auch Sandwich…“

David war kein Mann, der sich lumpen ließ und halbe Versprechungen machte.

„Also so unbedingt jetzt…“, stotterte Hanni.

„Du hast Sandwich bestellt, du bekommst Sandwich.“

Und David ging weiter auf in seiner Rolle als perfekter Gastgeber. Er öffnete den Kühlschrank, um den Schinken herauszuholen. Aber da war kein Schinken.

„Hey du!“

„Ja?“

Zugegebenermaßen gab sich Hanni jetzt ein Stück verunsichert.

„Statt Schinken – auch…ähm…Moment mal…statt Schinken auch rohes Hackfleisch?“

„Rohes Hackfleisch?“

„Tut mir leid. Was Anderes hab ich nicht.“

„Also…mir wär auch Zitronenkuchen ganz recht…“

„Du hast Sandwich bestellt, du sollst auch Sandwich kriegen…“

Und nach und nach stellte David fest, dass er auch keinen Senf, keine Mayonnaise und schon gar keinen Salat zu Hause hatte.

Etwa 10 Minuten später tänzelte David wieder zu Hanni ins Wohnzimmer. Die Frau hatte inzwischen die Möglichkeit, über ein möglichst baldiges und unauffälliges Verschwinden zu sinnieren, aber für sie war ein Chaot, der Schwierigkeiten damit hatte, einen anständigen Snack zuzubereiten, noch kein Argument, das vehement genug war.

„Bittesehr“, tirrilerte David, während er einen Arm hob wie ein Oberkellner „bittesehr – ein Zitronenkuchensandwich mit rohem Hackfleisch und herzhafter Nutella-Salsa-Mischung und 1a-Garnierung.“

Hanni riss die Augen weit auf: „Was ist das Rosa da im Teig? Das sieht ja aus wie Klopapier.

„Das ist Klopapier“, zwitscherte David.

„Was?“

„Ja…ich hatte keinen Salat…“

„Hey du!“, auch Hanni war Davids Name nicht geläufig, „ich glaube, ich muss los.“

Da sprang David mit einem Satz und mit einer Hand den Teller mit dem Sandwich umfassend, wie von der Tarantel gestochen auf die Couch und presste Hanni so fest er konnte in den Sitz.

„Du hast Sandwich bestellt und du wirst auch Sandwich essen!“, fauchte er und sein Speichel spritzte hart in Hannis Gesicht.

„Ich will aber gar kein Sandwich essen“

Hanni versuchte, sich aus Davids festem Griff und der Umarmung zu lösen. Sie ächzte und stöhnte.

„Aber du hast gesagt, du willst Sandwich!“, fauchte David.

„Aber jetzt will ich nach Hause.“

Sie kämpfte gegen den Mann an, aber der war wesentlich stärker als die zierliche Dame und er hielt sie mit seiner Kraft und dem gesamten Körpergewicht fest umschlossen.

„Du hast Sandwich bestellt, du wirst Sandwich kriegen.“

David schrie den Satz beinahe. Und mit seinen Worten stopfte er Hanni die Masse in den Mund. Hanni prustete, röchelte und spuckte, aber sie hatte keine Chance gegen David. Der nahm einen kräftigen Schluck aus der Bottel Ritter Sekt und sog wie ein Besessener am Flaschenhals. Indes war Hanni damit beschäftigt, das, was David Sandwich nannte, hinunterzuwürgen.

Nach einer kleinen Zeitspanne schließlich sank David bewusstlos in sich zusammen. Er hatte wohl genug vom Sekt geschluckt und war zu betrunken, um seinen Angriff aufrecht zu erhalten.

Hanni spuckte den Rest vom Brot auf den Tisch und schickte sich an, aufzuspringen.

„Du hast Sandwich bestellt, du wirst Sandwich essen“, lallte David halblaut. Und Hanni gehorchte. Setzte sich wieder auf ihren Platz und aß brav das Sandwich. Putz per Stingel.

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